Zwei Welten treffen aufeinander
In der klassischen IT ist DevOps seit Jahren etabliert. Entwicklung und Betrieb arbeiten zusammen, Deployments passieren mehrmals am Tag, Feedback-Schleifen sind kurz. In der industriellen Welt -- Fertigungssteuerungen, SPS-Programmierung, SCADA-Systeme -- sieht die Realität völlig anders aus. Releases passieren einmal pro Jahr, Änderungen an Steuerungssoftware durchlaufen wochenlange Freigabeprozesse, und der Begriff "Deployment" bedeutet: Ein Techniker fährt zur Anlage und spielt das Update manuell auf.
Industrial DevOps versucht, die Prinzipien von DevOps in diesen Kontext zu übertragen. Das funktioniert nicht durch einfaches Kopieren von IT-Praktiken, sondern erfordert ein tiefes Verständnis für die Besonderheiten der industriellen Welt.
Warum OT-Teams anders ticken
Sicherheit steht an erster Stelle
In der IT ist ein Ausfall ärgerlich -- eine Website ist offline, ein Service nicht erreichbar. In der OT kann ein Fehler physischen Schaden verursachen: Maschinen laufen unkontrolliert, Sicherheitssysteme versagen, Menschen werden gefährdet. Diese Realität prägt die gesamte Arbeitskultur. Vorsicht ist keine Bremse, sondern überlebenswichtig.
Das bedeutet für DevOps: "Move fast and break things" ist nicht nur unpassend, sondern gefährlich. Änderungen müssen gründlich getestet und validiert werden, bevor sie auf eine Anlage kommen. Aber das schließt Automatisierung nicht aus -- im Gegenteil: Automatisierte Tests sind zuverlässiger als manuelle Prüfungen.
Lange Lebenszyklen
Eine Webanwendung wird vielleicht drei bis fünf Jahre betrieben. Eine Fertigungsanlage läuft 20 bis 30 Jahre. Die Software, die darauf läuft, muss entsprechend lange gewartet werden können. Das hat Auswirkungen auf Toolentscheidungen, Versionierungsstrategien und den Umgang mit Abhängigkeiten.
Regulatorische Anforderungen
Branchenspezifische Normen (IEC 62443 für Cybersecurity, IEC 61508 für funktionale Sicherheit) schreiben Prozesse vor, die eingehalten werden müssen. DevOps-Praktiken müssen diese Normen berücksichtigen, nicht umgehen.
Kulturwandel in der Praxis
Gemeinsame Sprache finden
OT-Ingenieure sprechen von "Steuerungsprogrammen", IT-ler von "Code". Beide meinen ähnliche Dinge, verwenden aber unterschiedliche Begriffe, Werkzeuge und Denkmodelle. Der erste Schritt in einem Industrial-DevOps-Programm ist oft, ein gemeinsames Vokabular zu entwickeln. Workshops, in denen beide Seiten ihre Arbeitsweisen vorstellen und Gemeinsamkeiten identifizieren, sind dafür ein bewährtes Format.
Kleine Schritte statt Big Bang
Der Versuch, eine OT-Abteilung in drei Monaten auf "volles DevOps" umzustellen, ist zum Scheitern verurteilt. Erfolgreiche Transformationen beginnen mit kleinen, konkreten Verbesserungen:
- Versionierung einführen: SPS-Programme und Steuerungskonfigurationen unter Versionskontrolle stellen -- oft mit Git, manchmal mit spezialisierten Werkzeugen
- Build-Automatisierung: Manuelles Kompilieren durch automatisierte Builds ersetzen
- Automatisierte Tests: Zunachst einfache Regressionstests, später umfassendere Testsuites
- Dokumentation automatisieren: Änderungsprotokolle und Release-Dokumentation aus dem Versionskontrollsystem generieren
Jeder dieser Schritte bringt sofortigen Nutzen und baut Vertrauen in den neuen Ansatz auf.
Führungskräfte einbinden
Ohne Rückendeckung des Managements scheitern Kulturveränderungen. Führungskräfte müssen verstehen, warum Industrial DevOps wichtig ist -- nicht in technischen Details, sondern in Geschäftsmetriken: kürzere Time-to-Market, weniger Fehler in der Produktion, bessere Nachvollziehbarkeit für Audits.
Metriken für Industrial DevOps
Die vier DORA-Metriken (Deployment Frequency, Lead Time for Changes, Change Failure Rate, Time to Restore Service) lassen sich auf den industriellen Kontext übertragen, erfordern aber Anpassung:
- Deployment Frequency: Wie oft wird neue Software auf Anlagen ausgerollt? Einmal pro Jahr vs. einmal pro Monat ist bereits ein enormer Fortschritt
- Lead Time for Changes: Wie lange dauert es von der Anforderung bis zur Inbetriebnahme? Hier liegt oft das grösste Optimierungspotenzial
- Change Failure Rate: Wie viele Deployments führen zu Problemen in der Anlage? Diese Metrik ist in der OT besonders kritisch
- Time to Restore Service: Wie schnell kann nach einem Problem wieder produziert werden?
Fazit
DevOps-Kultur in der Industrie aufzubauen ist ein Marathon, kein Sprint. Die Herausforderungen sind real -- Sicherheitsanforderungen, regulatorische Vorgaben, unterschiedliche Kulturen zwischen IT und OT. Aber die Vorteile sind es ebenso: höhere Softwarequalität, schnellere Reaktionsfähigkeit und bessere Zusammenarbeit zwischen den Teams.
Unser DevOps Culture Workshop bringt IT- und OT-Teams zusammen und entwickelt eine gemeinsame Basis für die Zusammenarbeit. Für den technischen Einstieg bieten wir zudem das Git Training für TIA Portal Entwicklung an.


